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PAUL FUHRMANN (1893 -1952)

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Aufbruch · 1922
Aquarell/Gouache · 40,8 x 31 cm
bez. r.u. PF · erworben 1983 

In den folgenden Zeilen von Kurt Heynicke (1891–1985) wird einem Welt- und Seelengefühl Ausdruck gegeben, das bis um 1925 auch den Berliner Maler und Grafiker Paul Fuhrmann erfasst haben müsste. Beide hatten aktive Kontakte zu Herwerth Walden (1878–1941) und seinem »Sturm-Kreis«. Der Dichter veröffentlichte dort im expressionistischen Zeitungsprojekt »Der Sturm« (1910–1932) und zählte nach 1913/14 unter anderem mit August Stramm (1874–1915) zu den engsten Mitarbeitern dieser Zeitschrift. Paul Fuhrmann wiederum beteiligte sich an Gruppenausstellungen in der gleichnamigen Galerie im Zeitraum von 1922 bis 1925 mit Aquarellen, Collagen (er spricht von Klebebildern) und Ölmalerei.41

»AUFBRUCH: Es blüht die Welt./ Ja, hocherhoben, Herz, wach auf!/ Erhellt die Welt,/ zerschellt die Nacht,/ brich auf ins Licht!// In die Liebe, Herz, brich auf./ Mit guten Augen leuchte Mensch zu Mensch./ Händefassen./ Berg entgegen gottesnackt empor./ O, mein blühend Volk!/ Aus meinen Händen alle Sonne nimm dir zu./ Erhellt die Welt,/ die Nacht zerbricht./ Brich auf ins Licht!/ O Mensch, ins Licht!«.42 Dieser Ton passt sehr gut zur dramatischen Auferstehungsstimmung und zur allumfassenden Emphase einer Schicksalsgemeinschaft von Menschheit/Welt/Kosmos in diesem Aquarell. Der Titel des 1919 in der berühmten Gedichtsammlung »Menschheits-dämmerung Ein Dokument des Expressionismus« von Kurth Pinthus (1886–1975) veröffentlichten Gedichts gleicht dem des dynamisch-farbglutigen Bildes. Ob der Maler es kannte, bleibt offen (denn damals waren solche Bildtitel sehr beliebt) – doch es ist anzunehmen. Denn diese Gedichtsammlung des Expressionismus wurde für die an Leib und Seele verkrüppelten Kriegsheimkehrer, die sich zur Kunst berufen fühlten, fast zu so etwas wie eine Offenbarung des Zeitgeistes. Sie erfasste ein diffus-konkretes Hoffen, Sehnen und Ahnen einer besseren Zeit und Welt, in der es Frieden und soziale Gerechtigkeit gibt. In der Nachkriegszeit diskutierten die Künstlerkreise radikal und erbittert über den Sinn und die Aufgabe der Kunst. Sollte sie sich in den Dienst des Kampfes der Arbeiterklasse stellen – den ungebildeten und desorientierten Menschen eine Handlungsanweisung vorgeben? Musste aber nicht gerade die Kunst die ewig gültigen Menschheitsprobleme behandeln, das allgültige Mysterium des Seins, unabhängig von den Tagesanforderungen formen?43 Verschiedene künstlerische Strategien sind im schmalen Lebenswerk von Paul Fuhrmann erkennbar, das folglich durch stilistische und inhaltliche Wendungen und Brüche geprägt ist. Bis um 1925 orientierte er sich an einem emphatisch-expressiven »O Menschheitspathos«. Einflüsse verarbeitet er u.a. aus den späten symbolistischen Tier- und Tirolbildern von Franz Marc (1880–1914), aus den bösen Zeitkritiken eines George Grosz (1893–1959) und er ließ sich zu »kosmischen Urformen« von den vegetabilen Farbklängen Wassily Kandinskys (1866–1944) anregen. 1925 gab es den Bruch mit der Kunstauffassung von Herwerth Walden; er schloss sich den »Abstrakten« an und trat 1927 in die Kommunistische Partei ein. Ab 1928 ist seine Mitgliedschaft in der ASSO44 nachweisbar. Es entsteht Kunst für den Klassenkampf der Arbeiter. Im Essay des Arztes und Dramatikers Friedrich Wolf (1888–1953) von 1928 »Kunst ist Waffe« sah gewiss nicht nur er eine Bestätigung für seinen Richtungswechsel.

Nach seiner expressiven Phase beruhigt sich Mitte der Zwanzigerjahre seine Bildsprache; sie wird eindeutiger, zeitnäher und die Kompositionen flächiger. Es kommt zur Verarbeitung von Zeitungsausschnitten und die Themen sind tagespolitisch aktuell. Er stellt sein Schaffen immer mehr in den Dienst der Agitation der Arbeiter. Dabei haben seine Bilder, wie zum Beispiel der »Zeitgeist« aus dem Jahr 1927, prophetische Qualitäten: er sieht schon die heilrufenden Massen mit den erhobenen rechten Armen aufmarschieren und die Börsenkurse steigen und die Währung fällt. Aus seiner expressiven Phase konnte das Museum Junge Kunst in der Ausstellung der Galerie am Sachsenplatz 1983 in Leipzig vier Aquarelle, einen Linolschnitt und zwei Radierungen mit gespenstischen Straßenszenen erwerben. Mit dieser Ausstellung wurde sein Werk wieder entdeckt. Er konnte und wollte sich deshalb nicht im bürgerlichen Kunstbetrieb etablieren und 1933 traf ihn das durch die Nationalsozialisten verhängte Mal- und Ausstellungsverbot existenziell. Bis zum Kriegsende entstanden so gut wie keine Arbeiten mehr. Danach blieb ihm nicht mehrt viel Kraft und Zeit für einen Neubeginn. In einigen Blättern widmete er sich der Hungersnot in der Nachkriegszeit, fand jedoch keinen Platz mehr im erstehenden Kunstbetrieb.    

Armin Hauer

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