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FRANEK (1939)

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FRANEK d.i. Sabine Franek-Koch
Einfangendeswindes I-XL
 · 1997
Kohle · 29,7 x 21 cm · unbez. · erworben 2004

Die Fremde aufzusuchen, um Nähe ertragen zu können, andere Kulturen kennen zu lernen, um die eigene und damit sich selbst besser zu verstehen, diese Dialektik nutzen Künstler immer wieder als anregenden Auslösungsfaktor für ihr Schaffen. Auch Franek sucht weit entfernt vom üblichen Tourismus diesen örtlichen Abstand in außereuropäischen Kulturen. Sie findet in dem dort herrschenden, uns fremd erscheinenden Zeitmaß des Alltags die lebenserhaltenden Grundlagen auch für unser Sein. Die nonverbale Sprache der Natur und der Tiere ebenso wie die darauf bezogenen menschlichen Gesten, Riten und Lebensrhythmen regen ihr Bildgedächtnis an. Sie ruft es immer wieder aus ihrem Unterbewusstsein ab und nutzt es beim Malen, Zeichnen und Formen, so dass sich das Entstandene in Werkgruppen zusammenfassen lässt. Die Arbeit der Künstlerin in Mexiko, Guatemala und Honduras führte so zum Mayaprojekt. Der Arbeitsaufenthalt in einer Reservation in Dakota/USA war mit Feldforschung und der Darstellung der Rituale der Sioux verbunden. Nach einem Sahara-Aufenthalt entstand »Kreuz des Südens – ein Tagebuch in Bildern« und vieles Weitere mehr.

Aber auch in den Sprachbildern der Literatur entdeckte die Künstlerin eine ihrem Wollen vergleichbare schöpferische Dimension, mit der sie sich gestalterisch auseinander setzt. So entstanden z.B. 1997/98 mehr als 126 Kohlezeichnungen zu Claude Levi- Strauss’ »Geschichte des Jungen, der den Wind fing«. Der französische Ethnologe und Begründer der strukturalen Anthropologie kann nicht allein als Denker, Forscher und Schriftsteller von epochaler Wirkung angesehen werden, er gab dem Verständnis für fremde Kulturen eine neue Dimension. Dieses Verstehen teilend, entstanden Notate, in denen die Künstlerin sich sowohl mit dem Zauber der poetisch anmutenden, überlieferten Geschichte auseinander setzt, zugleich aber auch die Gemeinsamkeiten zwischen dem Sprachbild von Levi-Strauss und der Typik ihrer Bildsprache entdeckend nutzte. So wird, vergleichbar mit ihren großformatigen Gemälden, auch hier von ihr eine lyrisch poetische Welt geschaffen, in der Reales und Irreales spielerisch miteinander verwoben sind. Menschen, Tiere, Pflanzen, Mineralien, die Elemente, das Universum treten uns auf den Blättern wie auf ihren Gemälden entgegen, die, weder zeit- noch ortsgebunden, paradiesische Zustände assoziieren und die Bildräume mit schwebender Leichtigkeit erfüllen. Ein ordnendes Gefüge von Koordinaten wie Oben und Unten, Vorder- und Hintergrund haben auf ihren Bildern und Zeichnungen die Bedeutung ebenso verloren wie der Mensch seine Schwerkraft. Es ist letztlich die Ganzheit des Seins, die hier von uns optisch nachzuvollziehen ist.

Spielt in der Malerei die Farbe eine herausragende Rolle, ist es in der Zeichnung die Sprache der Linie, die die Aussagekraft der Blätter bestimmt. Sie umschreibt den Gegenstand, doch zugleich wird durch das ständige Unterbrechen des Strichs, das Verstärken oder Zurücknehmen seiner Kraft, verbunden mit der Reduktion von Details erreicht, dass die flächige Gestaltung zugleich räumlich erscheint und materielles und immaterielles Sein sich symbiotisch miteinander verbinden. Nicht zuletzt sind es diese Dualismen, die die Künstlerin zugleich als Traditionalistin und Avantgardistin ausweisen. So findet in ihrem Werk ein permanenter Wechsel zwischen einer gewohnten Rhythmik und ungewohnten Assoziationen statt. Zugleich wählt sie Motive, die uns vertraut sind und schafft überraschende Bilder, nutzt einen überlieferten Formenapparat und drückt damit unser heutiges Lebensgefühl aus. Ihre Darstellungen lassen zugleich aber auch an das Bekenntnis von Ingeborg Bachmann denken: »Der Wunsch wird in uns wach, die Grenzen zu überschreiten, die uns gesetzt sind… Innerhalb der Grenzen aber haben wir den Blick gerichtet auf das Vollkommene, das Unmögliche, Unerreichbare, sei es nun in der Liebe, der Freiheit oder jener reinen Größe. Im Widerspiel des Unmöglichen mit dem Möglichen erweitern wir unsere Möglichkeiten.«160

Prof. Dr. Brigitte Rieger-Jähner

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