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WIELAND FÖRSTER (1930)

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Aus der Mappe »Grafik von Bildhauern«: Paar I  · 1978
Lithografie, 90/100 · 41,3 x 59,6 cm · 26,3 x 35,2 cm
bez. r.u. förster 78 · erworben 1980 

Beide Pole des menschlichen Ausgeliefertseins – Thanatos115 und Eros – bestimmen schon früh das Werk des Bildhauers. So beseelt in seinem Empfinden die Faszination des Eros die Beziehungen zwischen Mann und Frau. Sie führt bei ihm zu verhaltenen, dennoch nicht konfliktfreien Symbiosen. In einer Sandsteinskulptur von 1974 zum Beispiel gehen beide ineinander über, sie ergeben einen poetischen Einblick in eine anthropomorphe Felsformation, die gleichsam Regen und Wind über Jahrhunderte weich zeichneten. Dagegen deutet und ersieht er in dem 1974 begonnenen und im Jahr 1985 beendete Zeichenzyklus »Labyrinth« in den surreal-phantastischen Felsen des Sächsischen Elbsandsteingebirges Vergehendes gleichnishaft als vom Eros geprägt Menschliches. Die wirklich einzigartigen, die Fantasie erweckenden Gebilde werden auch für Wieland Förster zum Tor für einen fabulierenden Ausritt in das verlorene Land romantischer Naturverehrung. Es formieren sich auf dem Papier fragil-monumentale Vexierbilder im Zwischenreich von Felsfigurinen und entblößten Leibern. Sie assoziieren wiederum eine arkadische, urmythische Mischform aus der körperlichen Einsamkeit des Menschen und der Ganzheitlichkeit von Natur. Im 1988 veröffentlichten Arbeitstagebuch ist im Eintrag vom 18.X.78 unter anderem zu lesen: »Landschaft mit Zeugungsmerkmalen (Labyrinth) beendet. In ihr nun ganz deutlich, dass im ganzen Zyklus auch eine erotische Seite mitschwingt. Im Leben besteht doch wohl ein wesentlicher Teil der Erotik aus der Sehnsucht, das Unbekannte zu enthüllen. Neu-Gier, Gier auf Neues. Deshalb auch die ›unerotischen‹ Motive für den Künstler tief erotisch; sonst keine Kunst.«116

In den weiteren Bleistift- und Kohleblättern deutet der hochsensible Zeichner die Leiblichkeit immer mehr als geomorphe Strukturen mittels ineinander verwobener Strichlagen, Graustufungen und Lichtinseln. Maskulines und Feminines verwandeln sich in felsig Landschaftliches. Seine sehr nahe, die physische Intimität enttabuisierende Sichtweise blendet Porträthaftes aus, findet Allgemeingültiges. Doch wie auf den Felsen die ganzheitliche Natur einwirkt und dessen Wandlung (Zerstörung?) zur Folge hat, so geschieht es ebenso mit dem einst erblühenden, dann alternden, kränkelnden und sich schließlich auflösenden Körper. Das Beieinandersein von Mann und Frau hält für Momente den Lauf der Dinge an. Bei Förster werden das Davor und das Danach ebenso wie das Beisammensein fast zu einem erratischen Moment, zu einem »Außer-der-Zeit-Sein«. Dieser Zustand kann in seinem Œuvre einen beglückenden Augenblick bedeuten oder einen spannungsvollen Waffenstillstand im Kampf zwischen den Geschlechtern meinen. Intimes wird den Blicken preisgegeben und entschwindet sogleich in einem verletzlichen, introspektiven Arkadien – namenlose und berühmte Paare der Literatur finden sein Interesse: u.a. Penthesilea und Achilleus, Hero und Leander.

Stets durchzieht diese Ambivalenz aus unmittelbarer spröder Nähe und sinnlicher Entrücktheit sein in Deutschland einmaliges zeichnerisches Werk, das weit über das für den Bildhauer übliche Aktzeichnen hinausreicht. Förster, der ebenso in Erzählungen, Tagebuchaufzeichnungen und Essays feinste Nuancierungen zwischen den Ereignissen sowie den Menschen aufspürt, sieht in der Figur einen Kosmos des Innen und Außen angelegt: Triebhaftes sowie aufgebürdet Existenzielles werden zum durchgeistigten Physischen. Mit seismographischem Gespür für Zwischentöne und mit ambivalenten tektonischen Strukturen nimmt er für seinen Beitrag »Paar I« zu einer Mappe »Grafik von Bildhauern«117 Bezug auf eine Folge von Bleistiftzeichnungen. Mit der weichen Lithokreide wird grelles Licht und fahler Schatten auf den horizontal lagernden Frauentorso und auf den sich wie ein Abhang gebenden Männertorso geworfen. Zeichnerisches und Malerisches ergänzen einander und bestimmen den elegischen Rhythmus des Blattes. Auf ihm verschmelzen beide Fragmente zu einer Felswand – Hüfte und Oberschenkelsilhouette sperren den Einblick in den Tiefenraum ab. Unsere Blicke müssen immer wieder in das »Tal aus Lust und Gier« fallen. Mann und Frau sind nun ein Leib, der sich zunächst schutzlos preisgibt, um sich vor unseren Augen in Gräben, Rinnen, Schluchten sowie pittoreske Felsformationen zu verwandeln. Sie nehmen ihn auf – schützen ihn.

Armin Hauer

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