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ANDREAS DRESS (1943)

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Die Stadt (Dem Andenken des 13. Februar 1945 gewidmet)
Triptychon 2/10 · 1985 · bez. Verso · erworben 1986
Mittelbild, Farbradierung  · 79 x 107 cm · 67,9 x 98,9 cm
rechtes Bild, Mezzotinto · 78,2 x 56,7 cm · 64,4 x 49,3 cm
linkes Bild, Mezzotinto · 78,7 x 55,8 cm · 64,3 x 49,1 cm 

Sein Generalthema ist der Mensch und die Stadtlandschaft (konkreter gefasst: die Stadt Dresden) und er ist vor allem als Grafiker bekannt. Nach dem Abschluss seines Studiums 1974 wandte er sich kurz der Tafelmalerei zu, um dann der Kraft der Linie zu vertrauen. Figuren voller eigenwilligster Gravuren und existenziellem Geworfensein bevölkern das Blattweiß und korrespondieren mit seinen tiefenfluchtenden Architekturlandschaften. Zeichnet er sie, dann wird der rechte Winkel messerscharf gesetzt und die kantigen Gebilde stehen als Solitäre im Raum. So können seine expressiv-surrealen und metaphysischen Häuser die Menschen bedrängen, verletzen, sie ein- oder ausschließen oder sie im günstigen Fall beschützend umhüllen. Immer scheint dabei alles in einer enervierenden Spannung befangen zu sein. Nichts kommt zur Beruhigung oder zur versöhnlichen Synthese. Das große Thema der deutschen Expressionisten und der veristischen Maler »Der Einzelne, die Masse und die Stadt« findet bei ihm einen produktiven Widerhall. So auch in dem für die grafische Form ungewöhnlichen Triptychon »Die Stadt«. Erst die nähere Bezeichnung zwischen den Klammern »Dem Andenken des 13. Februar 1945 gewidmet« lädt den bis dahin nichts sagenden Titel mit apokalyptischen Assoziationen auf. Kurz vor dem Ende des 2. Weltkrieges kam es am 13./14. Februar 1945 zu den verheerenden Bombardements der Royal Air Force, bei dem über 35000 Kinder, Frauen und Männer erstickten, verbrannten, verbluteten oder von den Trümmern erschlagen wurden. Der Krieg kehrte in den Schoß zurück, aus dem er gekrochen war: nach Deutschland und in dessen Städte.181 Bis zum 13. Februar 1945 galt Dresden als eine Stadt mit bewundernswerten Barockbauten, Parks und mit außergewöhnlichen Kunstsammlungen (Grünes Gewölbe, Gemäldesammlungen Alte und Neue Meister). Der Zwinger, die Frauenkirche, das Schloss und dessen Hofkirche sowie die Kreuzkirche einschließlich Semperoper prägten die weithin sichtbare Silhouette dieses Elbflorenz. Danach gab es diese Stadt so nicht mehr.

Als der Grafiker seine Blätter vierzig Jahre nach dem Angriff druckte, lagen die Reste der einstigen prachtvollen Frauenkirche als Ruinenberg aufgetürmt inmitten der Stadt. Turm- und Chorreste ragten gleich steinernen Schatten aus der Vergangenheit in die Gegenwart. Von fast jedem DDR-Bürger wurde dieses symbolkräftige Provisorium als ein »Nie wieder Krieg« akzeptiert. Die Staatsführung nutzte dieses profanierte Memento mori, um auf die weltpolitischen Aggressionsgelüste der Westmächte hinzuweisen. Der Künstler huldigt dem Aufbauwerk mit Humor und hier und da versteckter Kritik am Tun. Links auf der Farbradierung geht sein Blick in die Zukunft: die Frauenkirche erstrahlt fast in wiedererstandener Pracht, ummantelt mit einem großen Gerüst. Wie überhaupt einige historische Bauten (Augustusbrücke, Kunstakademie, Hofkirche, Semperoper) und die Denkmäler (August der Starke als Goldener Reiter) ein architektonisches Potpourri des sommerlich Sonntäglichen mit den Neubauten der Prager Straße eingehen. Dazwischen (an karikierende Gravuren denken lassend) schweben, laufen und gleiten Menschen inmitten oder auch über die Architekturzeichnungen, die wiederum Aquarien nicht unähnlich sind. Am hellblauen Himmel gibt es Vogelschwärme und skurrile Flug-, Ballon- und Luftschiffobjekte, die nichts Bedrohliches mehr an sich haben. Linien zerschneiden, verbinden oder fluchten Altes und Neues – dieses jetzt schon absurde Theater eines Aufbruchs in die neue Zeit wirkt unter dem herrlichen Sommerhimmel noch surrrealer; auch ein wenig unheimlich und vital zugleich. Und im Verständnis zur christlichen Ikonografie ist üblicherweise das Mittelteil eines Triptychons der Auferstehung der Toten und der Abhaltung des Jüngsten Gerichts vorbehalten; bei ihm erscheint die aus den Ruinen auferstandene Stadt. Auf der rechten Tafel wäre dann mit den Höllendarstellungen zu rechnen, auf der linken Tafel kämen die guten Menschen in den Himmel. Dem ist nicht ganz so: beidseitig ist durch panische Körpersprache sowie hochdramatische Kontrastierung Erschrecken, Verstörung sowie menschliches Leid zu erkennen. Der versierte Zeichner belässt sein heiter-groteskes, nachdenkliches Déjà-vu-Erlebnis in der Schwebe des Dokumentierens; er moralisiert nicht, ebenso wenig findet eine historische Wertung statt.

Armin Hauer

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