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CARLFRIEDRICH CLAUS (1930 - 1998)

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Fehlerhafte Psycho-Improvisation
(Psychologische Improvisation: Vigilanz)
 · 1972
Algrafie auf transparentem Papier 
48,7 x 35,5 cm · 38,5 x 33 cm
bez. r.u. Carlfriedrich Claus 1972 · erworben 1992 

»Vom Tod her leben
Das Denken des Sterbens kann Vorahnung letzter Angst wecken, aber auch ihres Vergehens. Anderes Existenz-Gefühl entsteht. Zwischen Nicht-Dasein und Nicht-Dasein.
Der Versuch, aus der Gewissheit des Todes zu leben, gibt Halt. Intensivere Bewusstheit. Distanz zu sich selbst.
Die Wirklichkeiten, mit denen ich biologisch, psychisch, sprachlich, sozial in Wechselwirkung bin, erscheinen aus fremdem Licht. Von ihm her bestimme ich mein Verhältnis zu ihnen, zu mir neu.«113

Ausschließlich auf schreibendes Zeichnen oder zeichnendes Schreiben konzentriert, zählt er neben Gerhard Altenbourg (1926–1989) zu den ganz wenigen im deutschen Sprachraum, die sich nur der Grafik zuwandten. Das Blatt ist bei ihm nicht in erster Linie ein traditionelles Bild, vielmehr ist es ein »weiträumiges« Protokoll dieses hochkomplexen, suchenden Findens einer individuellen und freibestimmten Bewusstwerdung innerhalb der konkreten Situation. Sein Glauben an das Blochsche Prinzip »Hoffnung« und an Visionen von einer zukünftig freien Selbstbestimmung des Menschen innerhalb einer sich von Knechtschaft losgelösten Gemeinschaft durchdringt sein Werk. Ermutigung für seinen forschenden Alleingang in den Vorstufen des »Sich Formulierenden und sich Visualisierenden« fand er in der jüngsten deutschen Kunstgeschichte u.a. bei Kurt Schwitters (1887–1948), den anderen DADAisten, Henri Michaux (1899 bis 1984) und zeitgenössischen Akteuren visueller Poesie (u.a. Franz Mohn). Claus korrespondierte mit zeitgenössischen Künstlern außerhalb der DDR, nahm sehr früh an Ausstellungen im Ausland teil und holte sich so in sein »Denk-Gehäuse« (eine Wohnung der Eltern in einem Hinterhof) im biederen Annaberg-Buchholz die Welt herein. Er versenkte sich auch in anthropologische Schriften, in die der Existenzialisten, der Mystiker sowie in die Kabbala und in die Gedankenwelt von Ernst Bloch (1885–1977) und las seinen Karl Marx (1818–1883). Seine unkonventionelle, kryptisch-introvertierte Lesart des marxistischen Materialismus verunsicherte die Kulturwachleute sehr und er hatte zunächst in diesem Land fast keinen Resonanzraum. Jedoch kam es um 1970 zu freundschaftlichen Beziehungen zu den Künstlern Thomas Ranft (1945), Michael Morgner (1942), Dagmar Ranft-Schinke (1944) und Gregor-Torsten Schade (1948). Gemeinsam gründeten sie die Karl-Marx-Städter Künstlergruppe CLARA MOSCH (1977–1982) und sein Interesse für die Techniken der Druckgrafik erwachte. Nun konnte er sich auch verstärkt an den offiziellen Ausstellungen in der DDR beteiligen und eine größere Öffentlichkeit erreichen.

Als Autodidakt wandte er sich vorerst in den frühen Fünfzigern der experimentellen Poesie zu. Die Zonen zwischen den Wach-, Traum- und Schlafzuständen fesselten ihn. Im sich bedingenden Miteinander unterwarf er sich neben »Schreibexerzitien« den »Sprachexerzitien« auf Tonbändern. Diese Sprachexperimente werden später nicht mehr in dieser Intensität weitergeführt. Umso intensiver sowie ertragreicher konzentrierte er sich auf seine von ihm als »Sprachblätter« bezeichneten, faszinierenden introspektiven Erkundungen der unendlichen Zonen zwischen Linie-Bildzeichen-Buchstabe-Schrift: Wortfetzen erlöschen, dünnen aus – münden ein in grafische Gerinnsel und in abenteuerliche Schriftlandschaften. In seinen »Notizen zwischen der experimentellen Arbeit - zu ihr« aus dem Jahr 1964 erhält der Leser eine Ahnung von der hochkomplexen Prozesshaftigkeit seiner Bild-Schrift-Sprachforschungsreisen in die Grauzonen bewusster und unbewusster Erkenntnismöglichkeiten: «Mit anderen Worten: man schickt das Gedankenensemble durch sein Nichts. Startpunkt ist, wie gesagt, stets eine subjektiv-objektive, mit mir erfüllte Sprach-Schrift-Figur. Daran an schließt sich: Empfang der je anders antithetischen Schriftsignale. Dann innere Ensemble-Bildung: durch energische Ausbreitung des Gedanken-Verbundnetzes im Körper und den Anschluss dieses Netzes an die feinmotorischen Vorgänge in der schreibenden Hand, also an ihre komparierbare Sensibilität sowohl für Schwankungen der emotionalen Innentemperatur wie auf Rückstöße des Schreibmaterials und des Geschriebenen. Sich selbst spaltet man jetzt mehrfach und, während des Schreibens, mehrmals neu: in ein die Hand sprachlich informierendes »Ich«, das rückwirkend vom Niederschlag, dem Geschriebenen, zur weitertreibenden sprachlichen »Erwiderung« stimuliert wird, – weiter, simultan, in eines, ein anderes, das auf die heftigen, den optischen Rezeptor reizenden graphischen Signale der schrifteigenen Sendestationen reagiert, so dass das Schreibzentrum jetzt nicht nur vom Sprach-, sondern gleichzeitig auch vom puroptischen Bezugsfeld her erregt, mit beiden gekoppelt wird, – und so fort.«114

Armin Hauer

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