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RICHARD K.H. BURKART (1950)

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Aus der Kassette Romantics:
Hommage à C.D. Friedrich · 1996/98
Mischtechnik auf handgeschöpftem Papier · 58 x 42 cm
unbez. · erworben 2002 

Vor fast drei Jahren erhielt das Museum eine umfangreiche Schenkung. Zu ihr gehören unter dem Titel ROMANTICS kostbar gefertigte Kassetten mit Collagen und großformatige Malereien. Weiterhin ein »Zeitungsobjekt« und die lebensgroße, fetischhafte Objektgruppe »THE FAMILY I – IV«. Seine Auseinandersetzung mit dem in sich sehr widersprüchlichen Zeitgeist der Romantik in ROMANTICS (eigentlich sind es Zeitgeister) reicht in die Achtzigerjahre zurück. Richard Burkart ging 1971 aus Bayern nach Westberlin und studierte sechs Jahre bis 1980 u.a. an der Hochschule der bildenden Künste. Dort wurde er Meisterschüler bei dem Altmeister des Informel, Fred Thieler (1916–1999). Parallel dazu verlief sein Studium der Germanistik. In das Ende der Achtziger fällt der Beginn seiner Suche nach einer ästhetischen Symbiose von Wort, Sprache, Idee mit den Techniken der Malerei, aufwändigen Papierarbeiten und der Objektkunst. Er arbeitet in der erlernten Technik der informellen Malerei; setzt sie gewissermaßen wie ein ästhetisches »Fundstück« in einen anderen Kontext ein. Getröpfeltes, Gespritztes, Schlieren und hochdiffizile Farbstrukturierungen öffnen irrationale Untiefen sowie Seelenräume zum Assoziieren. Hier nun schreibt er wie Fremdkörper zum Beispiel die Worte »gut – wahr – schön« »Out off Eden« – »ZEN« oder er montiert dem Alltag entnommene Gegenstände darüber: Bücher, Zeichengerät, Zeitungsartikel, Kitschbilder. Beide Strategien ergeben optisch Widerborstiges, denn zwei Bildschichten finden nicht zueinander – die Synthese vollendet sich wohl eher im Kopf des Betrachters als in dessen Blick. Dieses Prinzip der Schichtungen von Gleichzeitigkeiten erinnert zum einen an die horizontal gestaffelte Bildstruktur der Romantik und zum anderen an den Aufbau von mittelalterlichen Wandelaltären, da er gern seine hochformatigen Bilder als Triptychen oder als Mehrtafelbilder konzipiert. Der Betrachter steht irritiert davor, wird in den Dialog der verschiedenen Deutungsebenen einbezogen: Hehres aus dem Reich der Philosophie, Irritierendes aus unseren Ängsten und Sehnsüchten – Ironisches und Banales aus dem Alltag erwarten Deutung. In die Skulptur nimmt er ganz selbstverständlich die Farbe mit hinein. Diese Gebilde lassen an neogotische Entwürfe für Türme, an Pagoden, an heilige Schreine, an märchenhafte Monstranzen, an Modelle für Sciencefictionfilme denken. Numinoses und Märchenhaftes stellen sich ein – werden nicht selten sofort wieder gekippt oder ironisiert.

Eigenwilligerweise spielen die Bildfindungen der romantischen Maler selten eine Rolle, da schon eher ihre prinzipielle Weltsicht – so wie auf dem abgebildeten Blatt aus der Kassette ROMANTICS aus den Jahren 1996/98, gewidmet Caspar David Friedrich (1774–1840). Doch im Wesentlichen konzentriert er sich auf literarische und philosophische Werke aus dieser Zeit eines Umbruchs in den alten Gesellschaftshierarchien und Machtstrukturen. Revolutionen sowie Kriege verlangten nach einer politischen Neuordnung, Wissenschaft und Technik brachen sich Bahn, die Industrie wuchs heran. Die Zeit des Kapitalismus, die der Moderne begann. Der Einzelne rutschte aus seinen alten Bindungen heraus, stand materiell, geistig und seelisch verloren, manchmal ohnmächtig und suchend inmitten dieser Prozesse. Gott verschwand aus dem ganzheitlichen Weltbild der Menschen (Friedrich Nietzsche [1844–1900] verkündete etwas später in seinem Text »Die fröhliche Wissenschaft« den Tod Gottes200). Hier begann die Geburtsstunde einer modernen Ursehnsucht: die Suche nach einem neuen Eingebundensein in einen nichtgöttlichen, dennoch höheren Sinnzusammenhang (Natur, Familie, Liebe, religiöser Fanatismus, Berufung, Kunst als Gottesersatz) und das »Bestehen müssen« im alltäglichen Lebenskampf als Einzelner, ausgeliefert einer abweisenden, doch lebensnotwendigen Zwangsgemeinschaft. Dazwischen öffnet sich für das Individuum ein sehnsuchtsvolles Niemandsland mit dunklen Tälern, Abgründen, verlockenden Horizonten und erhabenen Höhen. Diese seelische Zerrissenheit zwischen Emotionalität und Rationalität ist vielleicht des Künstlers ureigenstes Thema. Leidenschaft, Leiden, Ideale, Sehnsucht, Fernweh, Hoffen dann Scheitern, Annehmen, Anpassen, Zerbrechen – das sind alles Empfindungen und Erfahrungen, die uns nicht fremd sind. Im eigentlichen Sinne sind wir Kinder der Romantik. Wohl deshalb ist hier in diesen Arbeiten die Romantik nicht ausschließlich ein Gegenstand des Historischen. Sie ist bei ihm als eine allgemeingültige Lebenserfahrung zu spüren, könnte demnach heute aktueller denn je sein.

Armin Hauer

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