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INGE THIESS-BÖTTNER (1924 - 2001)

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Assoziationen mit schwarzen Streifen · um 1982
Mischtechnik/Linoldruck · 42 x 60 cm · 34 x 48 cm
bez. r.u. Inge Thiess-Böttner · erworben 1993 

Inge Thiess-Böttner ist im besten Sinne des Wortes eine eigensinnige und starke Frau. Diese Eigenschaften bestimmten seit frühester Kindheit ihr Dasein. Sie ließen sie später durch das kreative Tun jene Lebensform finden, die dem unverwechselbar Eigenen als Künstlerin das Gepräge gab. Bereits an der Wahl ihrer Brotberufe, die sie nie als notwendiges Übel empfand, sondern mit Lust und der Kraft ihrer ganzen Persönlichkeit realisierte, wird das erkennbar. So begann Inge Thiess-Böttner ihre Erfahrungen als Werbe-, Puppen-, Kostüm- und Maskengestalterin. Hieran schloss sich die Arbeit als Regieassistentin beim Trickspielfilm und Dozentin an einer Spezialschule für Textilgestaltung an. Auf diese Weise reifte ihre Handschrift langsam, folgerichtig und facettenreich. Nachhaltig wurde ihr Formempfinden während der Studienzeit gegen Ende der 40er Jahre durch einen Lehrer wie Wilhelm Lachnit geprägt. Was Inge Thiess-Böttner durch ihn über die flächige Kompositionsweise und den Umgang mit der reinen Form lernen konnte, prägte ihr Schaffen nachhaltig. Hinzu traten jene Erfahrungswerte, die sich aus Dekorationsprinzipien gewinnen ließen, wie sie ihr an der Spezialschule für Textilgestaltung als theoretisches Rüstzeug vermittelt wurden. Trotzdem schuf sie erst spät, d.h. im Alter von 56 Jahren, die ersten völlig eigenständigen Arbeiten.

Es handelte sich hierbei um geometrisch-konstruktive Malerei und Schablonendrucke. Diese kann man, wie auch ihr gesamtes späteres Schaffen, jedoch nur bedingt in den Konstruktivismus und seine stilistischen Spielarten einordnen. Der Grund hierfür lag nicht allein in der Tatsache begründet, dass diesem jedes mathematische Kalkül fehlte. Vielmehr unterwarf sich Inge Thiess-Böttner von jeher nie einem Stildiktat. So behielt ihre geometrische Gestaltungswelt organische Lebendigkeit, herrschte statt rationaler Kühle stärker ein romantischer Gefühlsimpuls vor. Dieser wird auch an der vorgestellten Grafik erkennbar. Leichte handschriftliche Abweichungen von der technoiden Makellosigkeit eines strengen Regelsystems in der Linienführung bestimmt dieses Blatt wie ihr gesamtes Werk. Das kompositionelle Grundgerüst des Drucks wird dabei von aufgeklebten Linoleumsflächen gebildet. Auf dem farbigen Grund erfolgen nun bis zu vier Überdrucke, wobei Umkehrungen und Verschiebungen der Schablone, Zufügungen und Weglassungen von Teilformen vorgenommen wurden, so dass sich Zufall und Bewusstsein im Arbeitsprozess wirkungsvoll ergänzen. Die so entstandenen Farbräume weisen subtile Stufungen und zarte Übergänge auf. Eine Vielzahl von Variationsmöglichkeiten des einmal Gefundenen läge hier durchaus im Bereich des Möglichen, wird durch die Eigenwilligkeit der Sicht von Inge Thiess- Böttner aber von vornherein ausgeschlossen. Dieser Sachverhalt schlägt sich nicht zuletzt auch in ihrem Bekenntnis nieder: »Meine Kunst ist von der Umwelt und vom momentanen Gefühl abhängig… Jedes Blatt gibt eine Geschichte, einen ganz bestimmten Tag wieder.«96

Hieraus erklärt sich wiederum die Unterschiedlichkeit und die damit verbundene Vielgestaltigkeit ihrer Arbeiten. So dominieren je nach ihrer Befindlichkeit warme oder kalte Töne, wobei Braunstufungen zwischen Umbra und Violett bevorzugt werden. Auf vielen ihrer Blätter überwiegen anorganisch-spitze, auf anderen dominieren dagegen organisch-runde Formen. »Phantasie«, bekennt die Künstlerin, »bedeutet für mich, offen für das Leben zu sein.«97 Zu dieser Offenheit gehörte auch die Nutzung von Möglichkeiten, die ihr die moderne Technik nach 1990 bot. Neben dem spielerischen Umgang mit der Polaroidkamera arbeitete sie mit dem Computer und dem Farbkopierer. Dennoch hat sie trotz der Veränderung ihrer technischen Mittel ihre Arbeitsgrundsätze, die an der vorgestellten Grafik von 1991 erkennbar werden, bis zu ihrem Tode nie aufgegeben.

Prof. Dr. Brigitte Rieger-Jähner

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