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IRENE BÖSCH (1940)

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Zusammenhalt · 1985
Aquarell · 97,2 x 78,2 cm · bez. Verso · erworben 1993 

Irene Bösch ist sowohl Malerin als auch Zeichnerin. Dennoch kommt dem Aquarell, das seit 1972 eine eigene Werkgruppe bildet, innerhalb ihres Schaffens eine besondere Bedeutung zu. Bei Arbeiten dieser Technik wird die Spezifik ihrer Kunst, die extrem psychisch und existenziell geprägt ist, am nachdrücklichsten erfahrbar. So hat das Aquarellieren, das bei ihr zugleich Selbsterfahrung und Kommunikationsform mit der Außenwelt darstellt, im Laufe der Jahre unterschiedliche Formen der künstlerischen Reflexion angenommen. Obwohl eine Tendenz zur vollständigen Abstraktion erkennbar ist, bleiben Facetten des Realen als Bildsegment immer erhalten. Nicht zuletzt erklärt sich dieser Sachverhalt aus ihrer introvertierten Herangehensweise an die Gestaltung. Irene Bösch bekennt in diesem Zusammenhang: »Bei mir wird alles vom Erleben bestimmt. Meine Arbeit ist gefühlsbetont. Gegensätze aus Spannungen im Leben drücken sich bei mir in Form aus.«167

Gefühlen eine Form zu geben, ihnen eine Farbe zu verleihen und das Ganze interpretierend in Worte zu fassen, ist für die Künstlerin ebenso schwer, lustvoll und spannend wie für den Interpreten ihrer Werke. Nicht zuletzt sind es Titel wie »Schwierige Begegnung« (1979), »Abschied« (1981) oder »Bedrohnis« (1982), die mögliche Deutungsvarianten des Betrachters zu bestätigen vermögen. Aber auch ohne diese hinweisende Benennung wird allein durch die Formensprache, verbunden mit der jeweiligen Farbigkeit der Aquarelle, die »Befindlichkeit« der Künstlerin erkennbar. Aus dieser speist sich das Gestaltungsschwergewicht, welches auf verletzlicher Dissonanz und spannungsvollem Zwiespalt basiert. Dennoch unternimmt Irene Bösch immer wieder von neuem eine Gratwanderung zwischen Klassischem, d.h. dem maßvoll Ausgewogenen, von Spannungen Erlösten, in klarer Gesetzmäßigkeit sich Darstellenden und dem gegenteilig Antiklassischen. Vielleicht ergibt sich gerade hieraus die schmerzvolle Grundstimmung ihrer Aquarelle.
An dem großformatigen Blatt »Zusammenhalt« (1985) wird ihre einfühlsame Sensibilität besonders deutlich erkennbar. Auch dieses Aquarell kann weder als figurativ gegenständlich noch als abstrakt bezeichnet werden. So lässt die Künstlerin dem Betrachter bei der Interpretation hier, wie auch auf allen anderen Blättern, den größtmöglichen Spielraum. Dennoch sorgt die Dissonanz zwischen dem Hochformat und den zwei horizontal körperhaften Gebilden, die jeweils das obere oder untere Bildviertel flächenausspannend unterbrechen, für eine unterschwellige Beunruhigung des Betrachters. Assoziationen zu einem überdimensionierten Stück Knochen, bei dem die Segmente gliedernd erkennbar werden, korrespondieren im unteren Bildteil mit einer zum Zerreißen gespannten organoiden dünnen Fläche, die im oberen Teil des Blattes an eine Sehne denken lässt. Der Bildgrund wird dabei durch die Farbe bestimmt. Durch Übermalungen und vor allem durch wiederholte Auswaschungen wird so eine neue, vom realen Gegenstand unabhängige visuelle Struktur erzeugt. Der leidenschaftliche, zugleich aber äußerst sensibel feinfühlige Umgang mit der Farbe, die nie völlig deckend aufgetragen wird, ist letztlich ausschlaggebend für die Lebendigkeit, die diese Arbeit bestimmt. Tiefer gelegene Farbschichten schimmern so immer durch. Dennoch gelingt es der Künstlerin, ein labiles Gleichgewicht zwischen der Strenge des Kompositionsgefüges und der relativen Lockerheit im Farbauftrag zu halten. Nicht zuletzt sind es die Vielfalt und Ausgewogenheit von Variationen der Farbe Rot bis hin zum Violett, die dem Blatt sowohl eine Ausstrahlung von Distanz als auch von Nähe verleihen und der freiströmenden Farbe ihre sinnliche Kraft zurückgeben. So erkennen wir, vermittelt über ihre Arbeiten, in der Künstlerin eine leidenschaftlich mutige Frau, die sich uneingeschränkt zu ihrem Gefühl und damit zu dem Unberechenbaren, Irrationalen und Unbewussten ihrer Persönlichkeit bekennt und es zugleich versteht, diesem Form und Gestalt zu geben.

Prof. Dr. Brigitte Rieger-Jähner

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