zurück

GERHARD ALTENBOURG (1926 - 1989)

zur Biografie

Gerhard Altenbourg ( d.i. Gerhard Ströch)
Stephanus · 1949
Lithografie · 74,8 x 50 cm · 50 x 42 cm
bez. r.u. Stephanus 49, Prägestempel, Monogramm GA (?),
Verso Altenbourg · erworben 1991 

In den »Autobiografischen Notizen – Juni 1969: Narbenrisse beim Durchstreifen jener Hügellandschaft« sind die ihn unter anderem prägenden Schicksalserfahrungen erwähnt: »…Humanistisches Gymnasium. Reifeprüfung./ Bomben in Gärten. 1944 gezwungener Panzerjäger und Infanterist in Zwickau und Kielce, Lysa Gora. Berg der Erkenntnis und der Schau, weißes Licht, Litaneien. Polnische Bücher und Kirschgärten, Ziehbrunnen. Rückzug von Lublin. Widerstand am Brückenkopf nördlich von Annapol. Der Weichsel-Strom: Espen, Inseln, Tote. Angriff, eigener, mit Nebelwerfern. Sommer; Herbst. Kämpfe am Duklapaß. Karpaten; Tannen, Verwesungsgeruch, Rauch, brennende Panzer, erster Schnee./ 1944/45 in Lazaretten in Schreiberhau (Riesengebirge) und Bamberg. Menschenschau. Ekel. Inneres Verletztsein. Grenzkräfte und Schocküberwindungsversuche. Anderswerden. Hineinsehen.«100

Der Titel seiner Lithografie bezieht sich höchstwahrscheinlich auf den bekannten christlichen Märtyrer gleichen Namens.101 Dieser Altenbourgsche Stephanus gleicht sowohl einem absonderlichen Seelenführer, der hin zum » Versunken im Ich-Gestein« (das ist der Titel eines Aquarells – Selbstporträt? – aus dem Jahr 1966) geleiten kann, als auch einem Psychogramm auf seine Befindlichkeit. Denn des Heiligen Leidensgeschichte als eine der Prüfungen auf ein Auserwähltsein für eine höhere Mission kann auch als Gleichnis für die Suche eines dreiundzwanzigjährigen Mannes nach seiner »Berufung« gelten. Gleich dem dreigeteilten schamanistischen Initiationsritual – Tod, Zerstückelung, Wiedergeburt – erfährt der Heilige eine Transformierung hin zu einem ewig gottnahen Unsterblichen. Seine Seele und sein Körper erfuhren gleichnishaft Auflösung und Wiederkehr. Ähnliches wiederum in einer existenzialistischen, ganz und gar profanen Diesseitigkeit geschah dem damaligen Gerhard Ströch in seinem erzwungenen Soldatsein. Auch er machte schmerzhafte physische und psychische Prozesse durch, um sich – trotz aller auch danach einsetzenden widrigen Umstände – in einer Künstlerexistenz zu finden. Sein tief in ihm verwurzeltes Berufensein zum Zeichner einer existenten, aber nicht sichtbaren Welt brach sich über den Umweg einer circa einjährigen Journalistentätigkeit Bahn. Die politischen Konstellationen waren alles andere als günstig: kaum war der Krieg zu Ende, setzten die mehr oder weniger direkten repressiven Maßnahmen in der Sowjetischen Besatzungszone gegen eine Kunstauffassung ein, die sich in der Tradition des Expressionismus und des Surrealismus sah.102

In einem sehr aufschlussreichen Beitrag zur Bremer Altenbourg-Exposition 1988 geht Siegfried Salzmann auf die Namensänderung in diesem Zeitraum ein. Ich will in aller Kürze die wichtigsten Aspekte auf der Suche nach einem zu ihm passenden Pseudonym wiedergeben. Nach der Rückkehr aus dem Lazarett 1945 arbeitet Gerhard Ströch zunächst unter dem Pseudonym Ismael Lysa bis 1946 als Schriftsteller und Journalist. (Hier koppelte er einen jüdischen Vornamen mit dem Namen des Gebirges Lysa Gora in Polen, in dem er als Soldat kämpfen musste.) Gerhard Altenbourg: »Dann 1948 bis 1950 Student an der Hochschule für Baukunst und bildende Künste in Weimar. Hier das Jahr der Lithografien 1949/50, der Werkstattrausch mit den Druckern Arno Fehringer und Horst Arloth. Die Studienzeit habe ich fast nur in den Werkstätten verbracht. Die Lust am Handwerk, am Machen, am Entstehungsprozess. Versuche und Findungen. Strukturen organischer und mechanischer Art. Köpfe-Schau: Nervenfaserköpfe und Gesichter mit leichtem Verwesungsgeruch. Unter-Keller, Drunter-Keller.«103 Es entstehen im gleichen Jahr 1949 u.a. die von leidensvollen Metamorphosen zeugenden Kopf-Blätter (u.a.: »Don Quijote«) und eben die Lithografie »Stephanus«. Zudem zeichnet er an den übergroßen Ecce-Homo-Blättern, nun alles unter dem Namen Stephan Kambienna. Unübersehbar gibt es eine Verbindung zum Namen des Märtyrers. Der Nachname ist ein Verweis auf den Ort Kamienna in Polen, leicht abgewandelt durch die Einfügung des B., wo er 1944 als Panzerjäger und Infanterist eingesetzt wurde.104 So kann diese Lithografie auch als inneres Seelenporträt gesehen werden. Danach folgt die letzte Namenswandlung. Mit der späteren Einfügung des O in den Namen seines im Thüringischen gelegenen Lebensortes Altenburg wird der reale Ort Projektionsfläche für Phantasie und zu einem irrealen-realen Kunst-Ort neben dem »richtigen«. Nun mit letztem Pseudonym wurde aus der einstigen fremdbestimmten Person Gerhard Ströch über verschiedene, aufgezwungene Stadien schmerzhafter Selbstfindung der einzigartige Wanderer und Vermittler zwischen sichtbarer und unsichtbarer Welt.

Armin Hauer

zurück zur Ausstellungsseite

zur Biografie