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ALFRED AHNER (1890 - 1973)

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Nachtkonzertcafé · 1927
Pastell · 60,2 x 46 cm
bez.
r.u. A. Ahner 1.4.1928 · erworben 1980

»Ich kenne nur eins, ich habe nur einen Traum, nur ein Glück, und das ist: ungestört in der Kunst tätig sein zu können und ein Werk vollenden.«34   A. A.

Sieben Jahre nach seinem Tod gab es die Möglichkeit, aus dem Nachlass des Zeichners wichtige Blätter für die Sammlung zu erwerben. Bis dahin war er nur einem kleineren Kreis, vor allem Thüringer Kunstinteressierten und Museumsleuten, bekannt gewesen. Erst 1983 kam es in Halle und in seinem langjährigen Wohnort Weimar zu einer umfassenden Gedenkausstellung. Dort lebte er seit 1922, nachdem er aus dem 1. Weltkrieg kommend nach Wintersdorf bei Altenburg ging. Zunächst arbeitete er ein Jahr als Pumpenwächter im Tagebau, um sich anschließend für ein freies Künstlerleben zu entschließen. Rückblickend konstatiert er: »Im Januar 1911 reiste ich also dorthin (nach München, d. Red.). Durch einen Lithographen-Kollegen fand ich Wohnung im tiefsten Schwabing, und er brachte mich sofort in die Privatzeichenschule von dem Russen Mackedey« und »Das ganze Kunstleben Münchens fand hauptsächlich in den Cafés und Weinlokalen statt. Überall habe ich gezeichnet und studiert: in den Cafés, auf den Straßen, in den Galerien und Museen... Wir gingen auch in die Klasse von Prof. Landsberger, doch hielten wir beide treu vor allem Professor Altherr und zum Professor Hölzel, dem Vater der sogenannten Stilbewegung und des späteren Weimarer Bauhauses... Neben den herausragenden Künstlern - den ganz Abstrakten, wie Baumeister und Schlemmer - tat sich besonders die Stuttgarter Malerei im Religiösen hervor. Das alles begeisterte Stemmler und mich sehr und beeinflußten, wie ja auch das Auftauchen der Franzosen - die damals geistigsten von ihnen: van Gogh und Cézanne - uns am meisten...«35

Trotz der Impulse seitens der progressiven Lehrer und des Erlebens der Moderne blieb er ein Zeichner für den Augen-Blick im Verständnis des späten 19. Jahrhunderts. Das Äußere der Dinge und des Menschen, ihre sich schnell verflüchtigenden Erscheinungen sind der Auslöser für sein bald als obsessiv zu deutendes Zeichnen. Das Spiel des Lichts, die vielfältigen menschlichen Verhaltensweisen, kleinste und feinste Regungen in der Mimik und die durch das soziale Milieu geprägte Körperhaltung interessieren ihn. Mit stenogrammartigen, skizzenhaften Strichen (assistiert durch weitere kräftigere Strichlagen oder malerische Flächenmarkierungen) konnte er Situationen und Stimmungen schnell festhalten, dabei behutsam Zwischenmenschliches hervorheben, oder durch expressive oder versachlichende Formulierungen Charaktere betonen. Die Pastellkreiden setzte er sehr malerisch ein, sie erscheinen weich-leuchtend und changieren in feinen Nuancen. Egal, ob es sich um spielende Kinder auf der Straße, um zu Porträtierende sowie um halbseidene Typen in den Kneipen handelt oder um die so genannten kleinen Leute, alles verdient sein Interesse. Doch damit nicht genug, er beobachtet ebenso ernsthaft und wissbegierig die Tiere im Zoo, gleichwohl auch verschiedene Demonstrationen in seiner an wirtschaftlichen Krisen und politischen Umbrüchen krankenden Zeit. Die schrecklichen Ereignisse während seiner Zeit im letzten Kriegsjahr des 2. Weltkrieges als Sanitätssoldat bedrängen ihn dermaßen, dass er auch diese, ihn tiefgreifend erschütternden Erfahrungen in Formen bringen muss. Doch zumeist malt und skizziert er unmittelbar vor den Motiven und bezeichnet sich wohl deswegen auch als einen Straßenzeichner. Stilistisch bezog er sich zeitlebens auf das in München erlernte handwerkliche Rüstzeug. Dieser Kontinuität in der Wahrnehmung blieb er auch in seiner DDR-Zeit treu, was nicht selten für Irritation sorgte, da sich die Kulturwächter der SED doch für den neuen Menschen einen optimistischeren Stil vorstellten und die Illustrierung ihrer Machtphantasin erhofften.

Viele Pastell- und Kohlezeichnungen aus der Zeit der Weimarer Republik gehen weit über den Qualitätsrahmen eines Regionalkünstlers hinaus. Aus dieser Zeit stammt das »Nachtkonzert-café«. Etwas Kränkelndes liegt in der Luft dieses gewiss Weimarer Cafés. Die Besucher wirken deplaziert und verloren, obwohl sie dort Geselligkeit und Ablenkung suchen - und auch finden. Doch beißende Gesellschaftskritik oder eine geißelnde Anklage der Ende der Zwanzigerjahre zunehmenden Verarmung weiter Teile der Bevölkerung ist nicht sein vordergründiges Anliegen. Eher trifft er eine Gefühlslage, die sich mehr in dem Dazwischen abspielt. Das macht den besonderen Reiz dieses Blattes aus.

Armin Hauer

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