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z u r ü c k


PACKHOF DES MUSEUMS
Carl-Philipp-Emanuel-Bach-Str.11
04.08.2013 - 03.11.2013

MILCHGLASKINO
MALEREI, ZEICHNUNGEN,
STECKPERLENBILDER, INSTALLATIONEN

Ulrike Dornis (1966), Berlin; Jens Hanke (1966), Berlin; Jan Dörre (1967), Leipzig;  Magdalena Drebber (1956), Leipzig;  Jörg Ernert (1974), Leipzig; Jürgen Strege (1956), Leipzig;  Petra Ottkowski (1967), Leipzig; Martin Kreim (1963), Leipzig; Klaus Walter (1964), Berlin

Zu den Biografien der ausstellenden Künstler [ pdf-Datei - ca. 440 KB]

Kuratorenführung am 21. August 2013 um 16 Uhr und
60+ Führung am 16. Oktober 2013 um 15 Uhr


Abb. links: Petra Ottkowski (1967), Leipzig, Kreuzwürfel V, 2008, Acryl auf Leinwand; 160 x 130 cm,
Foto:  Christoph Sandig

Abb. Mitte: Jan Dörre (1967), Leipzig, Wanderers Rast, 2012, Öl und Eitempera auf Leinwand; 130 x 180 cm, Foto: Jan Dörre; Privatsammlung

Abb. rechts: Jörg Ernert (1974), Leipzig, Kletterhalle-Fensterwandlicht, 2012, Acryl auf Leinwand; 99 x 69 cm, Foto: Christoph Sandig, Leipzig

Hinter dem Titel der Ausstellung verbergen sich neun Handschriften von Künstlern, die in Berlin und in Leipzig leben. Die meisten von ihnen studierten an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig. Sie gehören fast zwei Generationen an, finden sich ab und an für gemeinsame Ausstellungen zusammen, haben aber mit einem stilistischen Gruppengeist nichts gemein. Trotz ihrer höchst unterschiedlichen Haltungen und Strategien sind die Künstler an Bedeutungsräumen und an einer geistigen Architektur interessiert. Der Titel Milchglaskino weist zudem auf einen Aspekt des Erzählerischen und auf den der visuellen Unschärfe hin.

Abb. links: Magdalena Drebber (1956), Leipzig, Konferenz, 2009, Steckperlen, Sperrholz, 110 x 159 cm,
Foto: Magdalena Drebber

Abb. rechts: Ulrike Dornis (1966), Berlin, Arabeske, 2011, Öl auf Leinwand; 120 x 155 cm, Foto: Ulrike Dornis

Das zusammenführende Interesse liegt demnach vorrangig in ihren Bildräumen  begründet. Dort geht es ihnen, allgemein formuliert, um die ewigen  Probleme seit es Malerei in unserem  Sinne gibt, um das Verhältnis  von Figur und Grund, Raum und Fläche, dem Linearen und dem Malerischen. Der illusionistische, der konstruierte und der dekonstruierte Raum ist Thema und wird nicht selten zugleich zu einem Motiv. Es können Räume des Fantastischen,  des Trivialen, des Grotesken, des Expressiven und des Sachlichen entstehen. Dabei kann die Zentralperspektive von Interesse sein, aber auch eine  Mehransichtigkeit oder eine postmoderne Bedeutungsperspektive. Urbane Räume, Räume des Konsums und die des Künstlichen, des Geistes und des Kunsthistorischen werden von ihnen, je nach Konzept, Temperament und künstlerischem Wollen und Können vorgestellt. Ihre Bilder  sind oftmals menschenleer und eine Anwesenheit des Menschen ergibt sich  aufgrund unseres Blickes. Da wo der Mensch auftritt,  geschieht es medial gefiltert: er blickt aus dem Bild direkt zu uns heraus, so als habe ihn eine Kamera im Visier, er kann eine steife  Pose einnehmen oder der Maler lässt ihn ein wenig verhuscht in die Farbaura des Bildes eintauchen oder im Pinselduktus "untergehen". Bei Allen ist das Kolorit eins des künstlichen Lichtes, welches in den Innenräumen aber ebenso in  den romantisierenden Landschafts-situationen auftaucht.

Abb. links: Klaus Walter (1964), Berlin, ISTANBUL, 2009, Öl auf Leinwand; 105 x 135 cm, Foto: L. Grünke, Binz

Abb. rechts: Martin Kreim (1963), Leipzig, Im Atelier, 2011,   Öl auf Leinwand; 120x150 cm, Foto: Martin Kreim

Ulrike Dornis geht ganz dicht an das Dekor ihrer Motive heran, bis sich die zerfließenden Pinselstriche als gleichwertige Bildsujets herausbilden. Sie lässt uns teilhaben am Wandel von abstrakten Pinselzügen hin zu textilen Arabesken oder isoliert auf der Fläche erscheinenden Stoffballen. Das Motiv verliert seinen sozialen und räumlichen Kontext - es wird zu einem  "abstrakten Stillleben". Die Bilder heißen dann auch nur "Arabeske" und werden mit einer entsprechenden Nummerierung versehen. Magdalena Drebber arbeitet mit der ungewöhnlichen Technik der Steckperlen in ihren bunt leuchtenden  Ausschnitten von fotografischen Szenen. Die Strukturen der Perlen wirken auf uns wie Pixel von Druckerzeugnissen oder von digitalisierten Bilddaten. Mittels einer doch recht traditionellen Technik  suggeriert die Künstlerin uns eine digitalisierte Bildsprache. Klaus Walter zeigt im Zwischenreich von Natur und Massenkultur Räume  und bevorzugt das Abbildungsprinzip des Seriellen  bis hin zum Ornamentalen. Der neonfarbige Farbauftrag ist summarisch und die Schilderungen der Dinge im Drinnen und Draußen  verzichten auf Details. Hier stellt er uns Bilder zu einem christlichen Wallfahrtsort im Süden Deutschlands vor. Auf dem Wandbild erscheinen Rosenkränze und die Logos christlicher Radio- und Fernsehsender als serielle Ornamente. Jürgen Strege präsentiert Werke aus seiner Museumsserie. Er  malt Museumsräume, in denen zwischen den mehr oder weniger bekannten Gemälden großformatige Briefmarken hängen. Dabei wird der "Kunst-Raum" zentralperspektivisch aufgefasst, die Motive auf den Briefmarken gehorchen der flächigen Gestaltung. Die in ihren Aktionen innehaltenden Personen werden collageartig eingesetzt.  Verschiedene historische und politische Sinnschichten können sich eröffnen. Jörg Ernert entwirft mit  expressiver Pinselführung und einer spröden Farbigkeit  Räume des Leistungs- und Freizeitsports. Seine Vorliebe gilt in einer umfangreichen Bilderserie den  Kletterhallen. Dort werden Abenteuer, Naturgewalt und  Körperkraft kontrolliert simuliert. Der Maler interessiert sich für die horizontalen, vertikalen und mal diagonalen Konstruktionen und lässt Innen- und Außenlicht aufeinanderprallen. Jens Hankes Zeichnungen  konfrontieren Hehres und Pathetischen aus Wald und Flur mit linearen Gebilden, die wiederum an  das urbane und technische Design der Sechziger- und Siebzigerjahre denken lassen. Die vorgestellten Zeichnungen gehören zur Werkgruppe "Island Me". Hier bildet das Lineare Raumtiefen und Flächenverschachtelungen aus, um im gleichen Augenblick auf das Malerische zu setzen und Bruchstücke des Himmels, des Landschaftlichen und des Vegetabilen  zu formen. Jan Dörres Bildwelten sind altmeisterlich gemalt. Sie  können metaphysisch und rätselhaft Stillleben bannen oder groteske Landschaftsmetaphern vorstellen. Etwas geheimnisvoll Romantisches schimmert auf. Doch das wird zugleich durch Aberwitziges kommentiert und in Frage gestellt.  Seine eigenwilligen Metaphern auf den  Überlebenskampf und auf die Vergänglichkeit des Seins von Mensch, Tier und Kultur fordern zum genussvollen Erkenntnisgewinn heraus. Petra Ottkowski ist fasziniert von Würfelformationen die sich durchdringen oder kubistisch eine vielfarbige Mehransichtigkeit evozieren. Mathematisch könnten diese "Zahlenspiele" nachvollzogen werden – aber eigentlich begeistern uns viel mehr die illusionistischen Tiefenschichtungen ihrer Gebilde auf der Fläche. Martin Kreim interessiert sich für die kulissenhaften Innenansichten von Räumen des Sozialen, die  nun ihre  Poesie des Sterilen verströmen. Wenn er sich Personen- und Tierkonstellationen zuwendet, geraten diese in doppelbödige Situationen oder stellen sich zur Schau, wie wir es in dem kleinen Bild "Tattoo" erleben können. Es ergibt sich eine Distanz zwischen Betrachter und dem Betrachteten, die wiederum im weißlichen Kolorit einen Widerhall findet.

Abb. links: Jens Hanke (1966), Berlin, Decisions Were Made at a Much Higher Level, 2012, Kohle auf farbig grundiertem Papier; 76 x 114 cm; Foto: Jens Hanke

Abb. rechts: Jürgen Strege (1956), Leipzig, Im Museum VI, 2010,  Acryl  auf  Leinwand; 145 x 240 cm,
Foto: Jürgen Strege

Text / Kurator: Armin Hauer

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Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag  von 11.00 bis 17.00 Uhr

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