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z u r ü c k


RATHAUSHALLE / FESTSAAL
MARKTPLATZ 1
02.10.2016 - 30.12.2016

...UND IMMER WIEDER DER MENSCH!
Skulpturen und Grafiken von Bildhauern aus 100 Jahren
Sammlung Museum Junge Kunst Frankfurt (Oder)

Walter Arnold (1909 – 1979), Horst Bachmann (1927), Theo Balden (1904 – 1995), Stephan Balkenhol (1957), Ernst Barlach (1870 – 1938), Rolf Biebl (1951), Reinhard Buch (1954), Fritz Cremer (1906 – 1993), Heinrich Drake (1903 – 1994), Horst Engelhardt (1951 – 2015), Anatol Erdmann (1952), Wilfried Fitzenreiter (1932 – 2008), Regina Fleck (1937), Wieland Förster (1930), Lutz Friedel (1948), René Graetz (1908 – 1974), Kerstin Grimm (1956), Sabina Grzimek (1942), Eugen Hoffmann (1892 – 1955), Uwe Kowski (1963), Karin Kreuzberg (1935), Max Lachnit (1900 – 1972), Will Lammert (1892 – 1957), Reinhold Langner (1905 – 1957), Via Lewandowsky (1963), Gerhard Lichtenfeld (1921 – 1978), Peter Makolies (1936), Florian Merkel (1961), Robert Metzkes (1954), Lucie Prussog (1900 – 1990), Karin Sakrowski (1942), Hans Scheib (1949), Baldur Schönfelder (1934), Wieland Schmiedel (1942), Paetrick Schmidt (1980), Anna Franziska Schwarzbach (1949), Frank Seidel (1959), Werner Stötzer (1931 – 2010), Dieter Tucholke (1934 – 2001), Cora Volz (1966), Falko Warmt (1938)

Eröffnung am 02. Oktober 2016 um 11 Uhr in der Rathaushalle, Marktplatz 1

Führungen Rathaushalle Museum Junge Kunst in der Ausstellung "...UND IMMER WIEDER DER MENSCH!"




Via Lewandowsky
Hoffnung ist des Lebens Stab

1989/1997, Berka auf Leinwand, versiegelt, bewässert; 260 x 129 x 141 cm; Foto: MJK, B. Kuhnert


 
Bildhauerei in der Sammlung
Zur Sammlung zählen rund 400 Werke der Bildhauerei aus fast 100 Jahren mit den Schwerpunkten Figur und auf den Zeitraum der DDR. Im Kontext zum gesamten Bestand von 11.000 Kunstwerken ist das ein relativ kleiner Anteil, doch alle wichtigen Künstler der Bildhauerei in der DDR sind vertreten, das oftmals mit Hauptwerken bzw. mit Entwürfen für Denkmale. Der Zeitraum vor 1945 beschränkt sich auf markante Positionen. Wie ebenso die Zeit nach 1990 mit ausgewählten Haltungen der Postmoderne vorhanden ist. Abstraktes, Abstrahierendes und Konstruktives ist in geringer Zahl, dafür in herausragender Qualität präsent.




Wieland Förster
Kleiner trauernder Mann

1973/1974, Zementguss; 51 x 16 x 25,5 cm; Foto: MJK, B. Kuhnert


 
Konzeption
Die letzte Ausstellung mit Plastiken und Skulpturen fand vor dreizehn Jahren im Museum statt. Sie trug den Titel „SPAGAT – figurative Bildhauerei in der DDR“. Jetzt werden die Jahre vor 1949 und die nach 1990 mit einbezogen. Der Fokus liegt auf den vielfältigen Möglichkeiten der Darstellung des Menschen. 41 Bildhauer begeben sich mit zirka 60 Skulpturen und ihren etwa 40 Bildern in einen chronologischen Kontext. Schwerpunkt ist die Ganzfigur. Porträts und Genreszenen sind in der Minderheit.
Zum Räumlichen der Figur kommt die Flächigkeit des Bildes hinzu. Zeichnungen und Druckgrafiken können sich als reine Bildhauerzeichnung, oder was zumeist der Fall ist, als eigenständige Werke ausweisen. Zahlenmäßig überwiegen die zeichnenden Bildhauer im Vergleich zu den bildhauernden Malern. Zwischen dem illusionistischen Raum im Bild und dem eines Objekts entwickeln sich Dialoge des Realen und des Fiktiven. Diese wurden bisher in dieser Konsequenz im Museum noch nicht geführt.
Expressivität oder Innerlichkeit, Pathos oder Statuarik, Verismus, Naturalismus, Realismus oder Idealismus, Torso oder klassische Ganzfigur, Denkmalentwürfe oder subjektive Formobsession, Weltschmerz oder Genuss des Seins, Metapher oder Selbstverweis, subjektive Seelenlage oder Gesellschaftsanalyse, Staatsdiktat oder Eigenauftrag. Mit diesen Dualismen kann die stilistische und inhaltliche Vielgestaltigkeit umschrieben werden. Verwendung finden die traditionellen Bildhauermaterialien wie Sandstein, Marmor, Bronze, Eisen, Holz. Hinzu kommen die unkonventionellen Materialien und Fundstücke vom Schrottplatz. Die Objektgrößen reichen von überlebensgroß bis zur Kleinplastik. Staatsaufträge für Denkmale stehen neben dem sogenannten Eigenauftrag und der Arbeit für den Kunsthandel.

Körperliches Reagieren auf Zeitenläufe
Der Titel der Ausstellung „…und immer wieder der Mensch“ klingt trotzig und behauptet sich zugleich selbst. Es geht um die Versinnbildlichung des körperlichen Reagierens auf gesellschaftliche Ereignisse und Befindlichkeiten. Es steht die Frage pragmatisch im Raum: Kann der Künstler in der Zeit des konfliktbeladenen 20. Jahrhunderts und im beginnenden 3. Jahrtausend aufrichtige Sinnbilder schaffen? Oder hat die Figur ihre unterschiedlichen Ausdrucksmöglichkeiten im Laufe der Jahrhunderte verspielt? Ist sie nur noch in den pathetischen Helden- und Kriegerdenkmalen, in den Selbstdarstellungen der Diktatoren, im monumentalen Kitsch oder kunstgewerblichen Kurzweil für vorübereilende Passanten auffindbar?
Darauf sucht die Konzeption differenzierte Antworten.




Host Bachmann
Die Ikone des Tyrannen

1973, verschiedene Materialien; 170 x 82 x 5 cm; Foto: MJK, B. Kuhnert


 
Traditionsbezüge in Ost und West
Das Beharren auf dem Figürlichen ist in der deutschen Bildhauerei bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts eine variationsreiche Konstante, die sich nicht selten im Geschmäcklerischen und Konventionellen verliert. Im Zentrum steht die metaphorische, unbekleidete und antik zentrierte Gestalt, die im Nationalsozialismus bis zu den muskelbepackten Übermenschen eines Josef Thorak und Arnold Breker führte. Das diktatorische Gewaltpathos der Physis hatte ihren Höhepunkt erreicht. Die Negation dieser Tradition mittels „Primitivismen“, Archaismen, abstrakter Formen oder dadaistischem Materialmix war vor dem 2. Weltkrieg seitens der Avantgarde nicht stark, doch wirksam vorhanden.

Nach 1945 vermeiden die deutschen Bildhauer den Weg des Monströsen. Im „Westen“ kam es etwa ab 1950 zur verstärkten Hinwendung zur konstruktiven, informellen oder abstrahierenden Skulptur. Der Mensch schien allmählich aus der Mode gekommen zu sein. Im Kontext des Kalten Krieges favorisierte man, verkürzt formuliert, die gegenstandslose Kunst als Gleichheitszeichen für Individualität und Freiheit schlechthin. Die Vorkriegsmoderne und die amerikanische Gegenwartskunst wurden zu Leitbildern erkoren. Die geahnte Weltsprache der Kunst sollte abstrakt werden. Was auch in der Plastik das Verschwinden des Menschen zu Folge hatte. Die Realisten, Naturalisten, Veristen, Traditionalisten oder Surrealisten gerieten in eine Verteidigungsposition oder in ein kommerzielles Abseits. Das Gegenständliche wurde mit der Kunst der NS-Zeit und mit der in den herrschenden sozialistischen Diktaturen gleichgesetzt. Auf dem Kunstmarkt und im öffentlichen Ausstellungsbetrieb mussten sich die Figurativen gegen die Moderne und Abstrakten behaupten. Eine Pauschalisierung der Situation in Schwarz und Weiß ist dennoch zu vermeiden, immer wieder gab es Porträts und narrative Platz- und Brunnengestaltungen.
Im Osten sahen die Machthaber das Abstrakte skeptisch. Sie positionierten es in die Ecke des kapitalistischen und imperialistischen Zerfallssystems und in die der Menschenverachtung. In Wirklichkeit verlief die Grenze nicht so scharf. Dennoch hatten es die Abstrakten und „Modernen“ schwer, konnten zumindest in den Fünfziger- und Sechzigerjahren ihre Werke nicht zeigen, mussten mit beruflichen und wirtschaftlichen Repressalien rechnen.
Mit der um 1950 aufkommenden Formalismusdiskussion und dem Diktat eines „Sozialistischen Realismus“, der ein doktrinärer Idealismus war, sollten die Künstler bewusstseinsformende, das Individuum negierende und den Massenmenschen verherrlichende Helden des kommunistischen Morgen erschaffen. Im eschatologischen Verständnis der Marxisten verlief die Menschheitsgeschichte, insbesondere die europäische, auf das Endziel des Kommunismus hinaus. Die Kunst sollte für diesen langen Weg das Bewusstsein der Menschen formen und sie mit ihrem „Licht der Erkenntnis“ stärken. Alle positiven und negativen Geschichtsereignisse konnten unter dieser Richtungsvorgabe gelesen werden. Als Vorbilder für die Bildhauer sollten die Monumentalplastiken, heroischen Arbeiterdarstellungen und Porträts der sowjetischen Kollegen gelten. Sie orientierten sich an einem narrativen Naturalismus bzw. Realismus des späten 19. Jahrhunderts. Für einige Künstler im Osten Deutschlands waren das keine ästhetischen Optionen. Zu tief waren sie, die in den Zwanziger- und Dreißigerjahren Ausgebildeten, in der klassisch-zentrierten Figur verhaftet. Einige zählten vor 1945 sogar zu den sachlich oder spätexpressiv Arbeitenden.
Dennoch gab es im öffentlichen Raum der DDR, hauptsächlich bis zu den frühen Siebzigerjahren, bronzene Parolen und steinerne Lebensfreude zur Genüge. Um diese Art von Staats-Bildhauerei geht es in der Ausstellung nicht, wenn der Zeitraum der DDR tangiert wird. Es werden Werke vorgestellt, die sich qualitätsvoll und ernsthaft mit den Zeitläufen auseinandersetzen und einen sinnbildlichen Ausdruck erreichen.




Fritz Cremer
Freiheitskämpfer

1947, Bronze; 171 x 46 x 63 cm; Foto: MHK, B. Kuhnert


 
Metamorphosen des Leibes
Einige Bildhauer arbeiteten nach 1945 an einem differenzierten Menschenbild. Mit dem Wissen um den ästhetischen Missbrauch des Physischen, suchten sie nach einer beredsamen, zugleich glaubwürdigen Körpersprache. Was nicht immer gelang. In den Denkmalentwürfen für die Opfer des Nationalsozialismus ist dieses Dilemma zwischen existenzieller Aufrichtigkeit und agitatorischem Staatswollen sichtbar. Der Staat vergab die Aufträge und kontrollierte mit Nachdruck die Resultate. Somit geriet der Künstler in die generelle Zwickmühle eines Auftragnehmers. Hier die Vorstellungen seitens des Geld- und Materialgebers, dort seine eigenen Intentionen. Deshalb gerieten vielfach die Gesten der Trauer und des Mahnens appellativ unbeholfen oder im günstigen Fall einfühlsam (Fritz Cremer, Will Lammert).
Andere entzogen sich den unmittelbaren politischen Forderungen, die mit Großaufträgen verbunden waren. Sie priesen in freien Arbeiten Harmonie und Schönheit des Leibes (Heinrich Drake, Karin Kreuzberg), ließen sich von Henry Moore oder Picasso anregen (Rene Graetz, Max Lachnit) und konzentrierten sich auf Alltagsszenen in den Kleinplastiken. Etwas von einer Bewahrung der antikisierenden Ganzheit „Körper-Geist-Seele“ flackert hier wie dort auf, kommt jedoch nicht zum parolenhaft optimistischen Leuchten.
In den darauf folgenden Jahrzehnten verschwand nach und nach das akademisch Normative und verhalten Idealisierende. Die Figur geriet in physische Bedrängnis des Diktatorischen (Wieland Förster, Fritz Cremer, Rolf Biebl), wandelte sich zum Torso (Wieland Schmiedel, Regina Fleck, Peter Makolies) und zum materialbewussten Non-finito (Werner Stötzer) - oder zum surrealen anthropomorphen Objekt (Baldur Schönfelder). Es kam zur statuarischen Innerlichkeit (Horst Engelhardt, Robert Metzkes) oder im Kontrast hierzu zu expressiven Raumeroberungen und zum Dionysischen (Hans Scheib). Bei anderen geriet die Gestalt in die Sogkraft des Raumes oder dünnte sich existenziell aus (Sabina Grzimek, Sanna Franziska Schwarzbach). Manchmal glich sie entkörperlichten Fanalen (Anatol Erdmann) oder geriet zu Metamorphosen zwischen existenzieller Behauptung und Verweigerung (Frank Seidel).
Zum Ende des Jahrtausends verflüchtigen sich die Normen einer postulierten Ganzheitlichkeit und die eines „humanistischen Menschenbildes“ vollends. Die Körper zerfallen (Uwe Kowski) oder erstehen aus „armen Materialien“ als etwas Fremdbestimmtes und Surreales wieder auf (Dieter Tucholke, Paetrick Schmidt). Bei Via Lewandowsky hat das Entschwinden des Menschen sein postmodernes Wiedergängertum als geschichtsträchtiges Formenzitat zur Folge. Andere Künstler reduzierten den Menschen auf ein lapidares So-Sein im Gewand der Gegenwart (Florian Merkel, Stephan Balkenhol, Cora Volz).
Mit den Regeln der Bildhauerkunst gehen die Maler-Bildhauer Lutz Friedel und Karin Sakrowski freier und intuitiver um.
Der Zeitraum vor 1945 ist mit markanten Haltungen vertreten. Ernst Barlach gerät mit seinen Gewandfiguren zwischen Tradition und Moderne. Soziales Engagement bezeugt die formverknappte Plastik von Lucie Prussog. Eine farbig gefasste Mutter- Kind-Gruppe von Reinhold Langner verrät etwas von der Melancholie und dem Bedrohtsein in der NS-Zeit. Der „Kopf eines sterbenden Soldaten – Selbstporträt“ von Fritz Cremer nimmt die Schrecken des Krieges vorweg. Die im englischen Exil entstanden Holzskulpturen von Eugen Hoffmann und Theo Balden sind Versuche, Melancholie und zu bewahrende Schönheit zu vereinen.

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Zur Ausstellung erscheint ein Katalog

Text/Kurator: Armin Hauer


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Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag  von 11.00 bis 17.00 Uhr

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