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z u r ü c k


PACKHOF DES MUSEUMS
C.-PH.-E.-BACH-STR. 11
17.07.2016 - 02.10.2016

melting days
Malerei, Zeichnung

Kristina Schuldt (1982), Leipzig, Malerei, Zeichnung

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ZUR BIOGRAFIE VON KRISTINA SCHULDT

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Eröffnung am 17. Juli 2016 um 11 Uhr, PackHof Museum Junge Kunst, Carl-Philipp-Emanuel-Bach-Straße 11


Die Bilder haben eine leuchtende Farbigkeit. Sie erinnert an das Licht der Schaufenster und Monitore dieser Welt. Die Atmosphäre wirkt wie auf einer Bühne, auf der sich etwas ereignet: Paare vollführen seltsame Rituale, nehmen tollkühne Verrenkungen oder obszöne Haltungen ein und Mädchen präsentieren sich als „zirzensische Schlangenfrauen“. Mal gelingen ihre gummiartigen Dehnungen kraft- und mühelos, mal scheinen ihre Glieder im Nirgendwo der Fläche zu verschwinden, zerbrechen spröde oder erfahren ein röhrenhaftes Eigenleben. Dazu gibt es blechartige Frisuren und kubistisch gefaltete Kleidungen. Ihre Gesichter benötigen nicht unbedingt Mund, Augen, Nase, um als solche zu irritieren.
Die erstarrten Aktionen finden in imaginären Gefilden statt. Diese können sich mit abstrakten Zeichen, angedeutetem Mobiliar und Kunstzitaten füllen. Wolken, Himmelblau und pflanzliche Versatzstücke suggerieren Landschaftliches. Der Tiefenraum tendiert zu einem Flächenraum, in dem die Dinge nicht selten ein ästhetisches Eigenleben führen. Dazwischen behaupten sich Figuren, die wiederum nichts Anderes als anthropomorphe Dinge in einer rätselhaften Dingwelt sind und sich einer geradlinigen Erzählbarkeit entziehen.
Es gibt keine zusammenhängenden Geschichten mehr. Alles scheint atomisiert und zerbrochen zu sein. Verschiedene Ebenen fügen sich optisch zusammen und stellen sich als „Das Eigentliche“ in den Mittelpunkt. Eindeutige Dechiffrierungen sind unmöglich. Das Sichtbare kann von jedem so oder so weiter gesponnen werden. Nichts ist bindend, aber auch nichts driftet in die ästhetische Unverbindlichkeit ab. Der Lesarten sind viele. Einige Andeutungen verführen zum Anekdotischen und zugleich bremsen sie es aus. Die Ambivalenz zwischen dem Ein- und Mehrdeutigen ist den Formen eingeschrieben. Dadurch bleibt letztendlich das Gemalte vom Literarischen unberührt. Es ist ein in sich ruhender Moment des Da-Seins und ein Menetekel seiner selbst. Das heißt, als Bild will es existieren und im Zusammenhang mit den vorhandenen Bildern in einen Dialog treten. Dieser kann sich der Realität öffnen oder umgekehrt: das, was wir oftmals als Realität wahrnehmen, ist bereits zum Zeichen, zur Formel und zum sozialen Code geronnen.
Formal Angedeutetes kann einen Spalt zwischen Kunst und Kunst oder Kunst und Leben, oder beidem zusammen, öffnen. Dafür sampelt die Malerin Sichtbares aus der Kunst- und Realwelt und übersetzt es in eine Post-Pop Art, deren Leichtigkeit verflogen ist und einer melancholischen Doppelbödigkeit Platz macht, die zwischen Absturz, Ausbruch und Beharren schwankt. Diese Mehrdeutigkeit wird noch gesteigert, indem sich die Malerei als solche zu erkennen gibt. Insbesondere dort, wo Formen nicht ausformuliert werden, verschiedene Stilzitate aneinander geraten oder sich klassische Motivgruppen andeuten, die in einer dekonstruktivistischen Parodie enden könnten. Diese wiederum verweigert sich als solche wahrgenommen zu werden, da die Ernsthaftigkeit des Vortrags alles in Malerei überführt.

Allgemein formuliert ist Malerei das Auftragen von Farbe auf einen Grund. Ihre Formung kann Vertrautes und Unvertrautes assoziieren, Dinge, Gedanken, Gefühle, Seele, Unbewusstes, Profanes, Hehres oder sich selbst zum Thema nehmen. Die Grabenkämpfe zwischen den Figurativen, den Realisten, den Abstrakten, zwischen den unzähligen Ismen und Eigenschöpfungen sind im kollektiven Gedächtnis gespeichert. Sie sind nicht beendet, aber auch nicht mehr mit dieser existenziellen Dringlichkeit wie in der klassischen Moderne fortführbar. Sogar die Postmoderne ist zum historischen Feld der Überschaubarkeit mutiert. Alles ist verfügbar und kann neu geordnet werden. Die Gegenwart sucht nach Bildern, die sich als solche im Heute behaupten und ihre Zukunft haben werden.
In diesem Kontext bewegt sich die Malerin, die ihre Ausbildung an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig erhielt und Meisterschülerin von Neo Rauch war. Ihre Bildwelten können als ein überdrehtes und zugleich als ein wohldosiertes Kunstsampling gesehen werden. Die Malerei des Quattrocento (Piero della Francesca) wird erinnert, Metaphysisches und Neusachliches geben sich mit der Pop Art ein Stelldichein. Abstraktes, Post-Kubistisches, Ornamentales und Surreales kommen hinzu. In einigen Bildern haben vielleicht die Gestalten von Fernando Botero und Hans Ticha vorbeigeschaut und Picassos verdrehte Damen hinterließen ihr Vermächtnis. Doch das sind Versuche der Umschreibung dieser Orte, wo die Körper denen von aufgeblasenen Sexpuppen und Skulpturen der Nachkriegsmoderne ähneln. Wo die Balance zwischen cleaner Oberfläche und freier Pinselarbeit in ein koloristisches Crescendo umschwenken kann, strahlende Farbfeldmalerei abruft oder dingpräzise Augentäuschung erstehen lässt. Der Überblick wird nicht verloren. Es vereint sich die malerische Kalkulation mit dem irrationalen Prozess der Bildwerdung zu einer Ambivalenz des Visuellen. Das Ziel der Reise ist nicht vorhersehbar. Der malerische Prozess führt zum Gewollten, das sich in seiner Komplexität so nicht planen lässt und zu gleichnishaften Resultaten führen kann: einer Frau ist das Fahrrad im Sumpf abhandengekommen, der Teppich wird nicht zu Ende gemalt, das Blumenbouquet wetteifert mit einem kubistischen Rautenmuster, klassische Bildthemen gleiten in burschikose Morbidität ab und Farbschlieren konterkarieren die Präzision des Malprozesses. Alles strahlt eine diesseitige und zugleich metaphysische Gelassenheit aus, gepaart mit einer leisen, dramatisch sich gebenden Melancholie des Erduldens und des offenen Endes dieser, in ihren dynamischen Bewegungen angehaltenen Szenarien.

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Text/Kurator: Armin Hauer


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Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag  von 11.00 bis 17.00 Uhr

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